Deus cum Nobis

Geschichte

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1618 – 1648
Obwohl Fritzlar mit den beiden Stiftsdörfern Ungedanken und Rothhelmshausen in den ersten zwölf Jahren dieses unheilvollen Krieges wenig berührt wurde, da die Landgrafschaft Hessen, in deren Gebiet eingeschlossen die mainzische Enklave lag, bis dahin Neutralität, wenn auch zweifelhafter Art, bewahrt hatte, herrschte hier kein guter Geist. War der alte, immer noch nicht begrabene Zwist zwischen Stift und Stadt an sich schon zu bedauern, um so verhängnisvoller war es, daß die Bürger unter sich uneins waren. In den Stiftsdörfern lagen die Verhältnisse nicht besser. Man war mit zahlreichen Familien in der Stadt verwandt und verschwägert und die Streitigkeiten zogen auch hier ihre Kreise.
Da erzählen uns die Ratsprotokolle und Akten, man habe den Amtmann mit Steinen beworfen und den Bürgermeister Gerhard mit ehrenrührigen Worten in einer Scharteken (wertloses Buch) angegriffen.
Viele Bürger verweigerten dem Rat den schuldigen Gehorsam. In Ungedanken gibt es mit dem Greben und den Vorstehern üble Auftritte. Häufig sind die Klagen über Nachtgeschrei, Schießen in der Stadt, Schlägereien mit tödlichem Ausgang auf dem Hochzeitshause und im Weinkeller, über Verkehr mit Dirnen, über Beleidigungen wie Zauberer, Schelm, Dieb, Hurer usw. Das Neue Stück, ein Stadtmauerturm, wurde zusätzlich zum bürgerlichen Gefängnis eingerichtet. Man erhob außerdem erhebliche Geldstrafen.
Als der evangelische Bürgermeister auf die Nachricht von der Annäherung eines bayrischen Streifkorps selbst nachts die hessische Landmiliz herbeiholte, wurde er von den Bürgern beinahe totgeschlagen. Es muß hier bemerkt werden, daß das Stift damals ligistisch gesonnen war, während ein großer Teil der damals immer noch protestantischen Bürgerschaft Anschluß an Hessen suchte.
Das Jahr 1623 ist besonders reich an Gewalttaten. Nicht nur, daß die Bürger den Amtmann, den Bürgermeister und Rat und den Greben von Ungedanken mit gezücktem Degen bedrohten, man überfiel sogar die eigenen Mitbürger und schlug sie braun und blau. Der Sohn des Klosterhofmanns überfiel die Stadtdiener mit der Erntegabel. Auch Morde blieben nicht aus. Die Unsicherheit in Stadt und Land war so groß, daß das Stiftskapitell für den Fall der Not den Schlüssel zur mittleren Pforte erbat. Bei dem vielen Militär, das während des Krieges in der Stadt und in den Stiftsdörfern lag, drängte eine Soldatenschlägerei die andere. Die Soldateska ging mit gezücktem Degen auf die Bürger los. Dann entstand regelmäßig Tumult. Die Sturmglocken wurden geläutet, die Stadttore zugeschlagen. Nachts lief man vor die Häuser, warf mit Steinen in die Fenster und schrie, man wolle die Bewohner ermorden und im Hause verbrennen. Mit Vorliebe wurde den Juden in die Häuser „gegriffen“. Frauen waren auf offener Landstraße ihres Lebens nicht mehr sicher. Sie wurden beraubt und vergewaltigt. Dieser Ungeist wurde noch genährt durch die religiösen Zwistigkeiten, die keineswegs beendet waren. So kommt man in das Jahr 1631. Der Frühling dieses Jahres, das ein Schicksalsjahr für Stadt und Land werden soll, hat sich mit einem gewaltigen Donnerwetter eingeführt. Das läßt nichts Gutes für den weiteren Jahresablauf erhoffen. Zwar hat man den Krieg in seinen ersten zwölf Jahren noch gar nicht richtig kennengelernt, denn die gelegentlichen Durchzüge kaiserlicher und hessischer Truppen und Einquartierungen sind erst ein leises Vorspiel von dem, was der Krieg noch bringen wird. Kurmainz hat Fritzlar in Vorahnung kommender Ereignisse mit einer militärischen Besatzung versehen, die stark genug erscheint, den wichtigen Platz zu sichern.
Stadtkommandant ist Christoph Heinrich von Griesheim, Oberamtmann des Eichsfeldes und der kurmainzischen Ämter Fritzlar, Naumburg, Neustadt und Amöneburg. Er hat in der evangelischen Universität Rinteln an der Weser seine juristische Ausbildung erhalten. Er ist dann zum katholischen Glauben übergetreten, fühlt sich aber im Sattel wohler als am Schreibtisch eines Richters und Verwaltungsbeamten. Als er die Spannungen bemerkt, die zur Entladung drängen, greift er das benachbarte hessische Land an und versucht dort zu fouragieren und zu brandschatzen.
Ein Gegenstoß Hessens macht ihm keine Sorge, da der kaiserliche General Johann Tserclaes von Tilly noch im Werragebiet mit starker Truppenmacht steht. Er achtet auch nicht darauf, daß am 10. Juli Landgraf Wilhelm zwischen Kassel und Ziegenhain sein junges Heer zusammenzieht, an jenem Tage in ganz Niederhessen einen Kriegsbettag abhalten läßt und gleichzeitig Tilly und dessen Truppen die Quartiere aufkündigt.
Das ist in so scharfer Weise geschehen, daß es nicht erst noch des Bündnisses mit dem Schwedenkönig Gustav Adolf bedurft hätte, der am 12. August zum Abschluß kommt, um allen Beteiligten zu zeigen, daß der Krieg nun auch in Hessen mit aller Schwere beginne.
Tilly, der sich gegen den Schwedenkönig Gustav Adolf wenden muß, verläßt Hessen. Aber das stört Griesheim nicht. Noch einmal zieht er von Fritzlar aus und brennt zwei Dörfer des Amtes Gudensberg nieder.
Nun zögert der Landgraf nicht, sich sofort gegen Fritzlar zu wenden, um diese Stadt wegen der von ihr ausgegangenen Angriffe zu züchtigen. Ende August zieht er eine größere Truppenmacht zusammen, 3000 Mann Fußvolk, 1000 Reiter, drei Fähnlein Jäger, und außerdem noch einige Abteilungen des Landesausschusses. An Geschütz führte der ergrimmte Landgraf zwei halbe Kartaunen (grobes Geschütz) mit sich, schwere Artillerie damaliger Zeit.
Der 9. September, ein warmer, sonnenstrahlender Spätsommertag, zieht herauf. Schon in den frühen Morgenstunden steht die hessische Truppenmacht vor Fritzlar.
Die Aufforderung zur Übergabe wird mit Schüssen aus Doppelhaken, den auf der Mauer postierten Wallbüchsen, beantwortet. Der Landgraf sieht sich nun gezwungen, zum Angriff überzugehen. Nur ein Tor braucht mit Petarden (Sprengmörser, Sprengladung) gesprengt zu werden, um die hessischen Truppen einzulassen. Nach kurzer Gegenwehr werden die mainzischen Truppen von den Hessen überwältigt. Die Stadt wird geplündert und der Amtmann selbst gefangen genommen und mit Frau und Kind nach Kassel geführt.
Fritzlar muß sich zur Aufnahme von zwei Kompanien hessischer Fußtruppen bereit erklären, die Stadt muß außerdem das gesamte Geschütz ausliefern und eine monatliche Kontribution (Kriegssteuer) von 600 Talern aufbringen.
Die Stadt blieb nur bis zum Oktober in hessischer Hand, denn als Tilly nach der Schlacht von Breitenfeld nach Fritzlar zog, räumte die schwache hessische Besatzung den Ort. Mit dem Tode Gustav Adolfs bei Lützen, der Ermordung Wallensteins in Eger und der Niederlage der Schweden bei Nördlingen hat der reguläre Krieg, der auch an Ungedanken und Rothhelmshausen nicht spurlos vorübergegangen ist, aufgehört. Große Entscheide fallen nicht mehr. Es ist vielmehr ein räuberisches und mordbrennerisches Hin- und Herziehen beutegieriger Heerhaufen, die nur dazu da sind, unsägliches Elend anzurichten.
Es ist ein Hin- und Her in diesen wilden Zeitläuften. Kaum sind die Hessen vor den Kaiserlichen geflüchtet und dann die Truppen der Liga wieder abgezogen, schon sind sie wieder da. Gerade die Kirchen des benachbarten Fritzlar geben ein oft groteskes Bild von den wechselnden Einquartierungen in der Stadt. Einmal ist für Wochen und Tage katholischer Gottesdienst darin, ein andermal evangelischer. Ein dauernder Wechsel wie die Uniformen der Soldaten, von denen auch Ungedanken nicht verschont bleibt. Es ist allzu begreiflich, daß diese Situation auch in dem Verhalten der Einwohner seinen Ausdruck findet. Durch die zahlreichen Bedrückungen und Kontributionen (Abgaben-Steuern) ist es ihnen völlig gleichgültig geworden, ob sie heute einem evangelischen und morgen einem katholischen Gottesdienst beiwohnen. Wichtiger ist für sie in diesen Jahren die Sorge für den Lebensunterhalt, ja für das tägliche Brot. Und dieses ist selten genug zu haben. Bei jeder Besetzung der Stadt Fritzlar werden auch die Stiftsdörfer Ungedanken und Rothhelmshausen nicht verschont.
Für die armen, gequälten Dorfbewohner findet sich auch keine Möglichkeit geistlichen Zuspruchs. Die Kapelle auf dem Büraberg, in deren Schatten die Vorfahren der Auferstehung entgegenschlummern, ist verfallen. Ein Gottesdienst findet schon seit Jahren nicht mehr statt. Der für die Stiftsdörfer zuständige Geistliche, der in Fritzlar wohnt, kann die meiste Zeit nicht herüberkommen, denn es ist gefährlich in diesen Zeitläuften, sich außerhalb der Stadt auf der Landstraße zu zeigen. Besonders schlimm wurden die Zeiten, als die Schweden in Niederhessen einrückten, nachdem vorher schon einige Regimenter Polen die ganze Frucht auf den Feldern verbrannt hatten. Ein zeitgenössischer Bericht erzählt über diese Tage:
Am 8. Dezember 1636 kam eine Partei Kriegsvolk vor die Stadt und kündigte die Einquartierung von 1000 Pferden an. Der hessische Schultheiß, der auch das Regiment über Ungedanken ausübte – Fritzlar und die Stiftsdörfer waren von 1631 an bis Ende des Krieges in hessischem Besitz -, ließ die Reiter herein. Diese durchsuchten die Kirchen, die Küsterei, die Gasthäuser, alle Kammern, Kisten, Kasten und nahmen mit, was ihnen gefiel. Eine Streifpartei duchsuchte alle Häuser in Ungedanken und plünderte, was ihr unter die Finger kam. Vor allem Fourage für die Pferde war ein beliebtes Objekt ihrer Forderungen.
Am 9.10. und 11. Dezember wollten nach dem Abzug der Reiter die schwedischen Parteien wieder in die Stadt. Dieses Mal setzten sich die armen Bürger zur Wehr und hielten drei Tage lang das Kriegsvolk außer der Stadt in der Hoffnung, die geheimen hessischen Räte würden ihnen Salvaguardia (Sicherheitsbrief) zuschicken. Umso schlimmer erging es in diesen Tagen den Ungedankenern. Was die Schweden sich bei der Besitznahme von Fritzlar erhofften und nicht bekamen, mußten die armen, bereits mehrfach ausgeplünderten Dorfbewohner von Ungedanken, Geismar u.a. hergeben. Das ging oft nicht ohne rohe Gewalt ab. Am 12. Dezember kam das schwedische Volk so stark, daß kein Widerstand mehr möglich war. Der schwedische General Johann Bauer wurde in des Dechanten Hof einquartiert. Die Plünderung der Kurien der Geistlichen und der Bürgerhäuser wurde fortgesetzt, auch in Ungedanken blieb man von schwedischer Einquartierung nicht verschont. Auf Fürbitte des Grafen Christian von Waldeck wurden Stift und Stadt nebst den beiden Stiftsdörfern von der beabsichtigten Einäscherung verschont.
Am 15. Dezember zogen die Schweden ab. Am gleichen Tage besetzte Obrist Goldstein mit seinem kurländischen Regiment die Stadt. Am folgenden Tage wurde erneut geplündert. Was an heimlichen Orten verborgen, wurde dennoch geholt. Auch die Orte, die die hessischen Kommissare vor fünf Jahren in der Stiftskirche St. Peter verschlossen und versiegelt hatten, wurden erbrochen und Kelche, Kleinodien und Silbergeschirre davongetragen.
Auch in den nächsten Kriegsjahren blieb Ungedanken von Einquartierungslasten und Kontributionen nicht verschont. Erlöst atmete man auf, als die Glocken von Münster und Osnabrück das Ende des 30jährigen Krieges verkündeten.


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